Haben Männer und Frauen wirklich unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse?
„Männer wollen Sex, Frauen wollen Nähe.“ Kaum eine Vorstellung über Partnerschaft und Sexualität ist so verbreitet. In vielen Beziehungen scheint sie zunächst sogar zu passen: Er möchte häufiger Sex, sie wünscht sich mehr emotionale Nähe. Doch aus einem häufig beobachteten Muster sollte keine Regel für Männer und Frauen werden.
Stimmt der Satz „Männer brauchen Sex, Frauen brauchen Nähe“?
Als allgemeine Regel ist er zu einfach.
Männer können Sex als Ausdruck emotionaler Verbundenheit erleben. Frauen können starkes, spontanes sexuelles Verlangen empfinden. Frauen können Sex suchen, ohne vorher besondere emotionale Nähe zu benötigen. Männer können sexuelles Interesse verlieren, obwohl sie ihre Partnerin attraktiv finden.
Die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen sind groß.
Das Klischee
Männer wollen Sex und körperliche Befriedigung.
Frauen wollen Zärtlichkeit, Sicherheit und emotionale Nähe.
Die Realität von Paaren
Menschen unterscheiden sich in Lust, Erregbarkeit, Nähebedürfnis, sexuellen Vorlieben und der Bedeutung, die Sexualität für sie hat.
Das Geschlecht ist nur ein möglicher Einflussfaktor unter vielen.
Gibt es trotzdem durchschnittliche Unterschiede?
Ja, Forschung beschreibt in verschiedenen Untersuchungen Unterschiede im durchschnittlichen sexuellen Verlangen von Männern und Frauen. Durchschnittswerte sagen jedoch wenig darüber aus, wie zwei konkrete Menschen in einer Beziehung Sexualität erleben.
Hinzu kommt, dass sexuelles Verlangen nicht ausschließlich biologisch bestimmt wird. Beziehung, Stress, Lebensphase, Gesundheit, sexuelle Erfahrungen, kulturelle Vorstellungen und die konkrete sexuelle Situation können ebenfalls eine Rolle spielen.
Für die Paarberatung ist deshalb eine andere Frage oft hilfreicher als „Sind Männer und Frauen unterschiedlich?“
Sondern: „Was brauche ich und was brauchst du, damit Sexualität für uns beide stimmig ist?“
Sex kann für zwei Menschen etwas völlig Unterschiedliches bedeuten
Ein wichtiger Unterschied liegt nicht nur darin, wie häufig jemand Sex möchte. Menschen können auch unterschiedliche Bedürfnisse durch Sexualität erfüllen.
Verbundenheit
Sexualität kann das Gefühl vermitteln, dem Partner emotional besonders nahe zu sein.
Lust und körperlicher Genuss
Sex kann vor allem wegen Erregung, Berührung, Orgasmus und körperlichem Genuss gesucht werden.
Sich begehrt fühlen
Sexuelle Initiative des Partners kann als Bestätigung erlebt werden: „Du willst mich.“
Entspannung
Manche Menschen nutzen Sexualität, um Stress abzubauen und körperlich zur Ruhe zu kommen.
Neugier und Abenteuer
Fantasie, Abwechslung und gemeinsames Experimentieren können wichtige Bestandteile sexueller Motivation sein.
Zärtlichkeit und Körperkontakt
Für manche steht weniger der Orgasmus als das intensive körperliche Miteinander im Vordergrund.
Spontane Lust und responsive Lust
Ein weiterer Unterschied kann darin bestehen, wie sexuelles Verlangen entsteht.
Manche Menschen verspüren Lust scheinbar aus dem Nichts. Andere erleben sexuelles Interesse eher dann, wenn bereits ein angenehmer Kontext, Berührung oder erotische Stimulation entstanden ist.
Spontane Lust
„Ich habe Lust auf Sex und deshalb suche ich sexuelle Nähe.“
Responsive Lust
„Ich war vorher nicht besonders erregt, aber die Nähe fühlt sich angenehm an und daraus entwickelt sich Lust.“
Responsive Lust ist insbesondere in der sexualmedizinischen Literatur zur weiblichen Sexualität beschrieben worden. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Frau responsive und jeder Mann spontane Lust erlebt.
Warum wird aus unterschiedlicher Lust so schnell ein Beziehungskonflikt?
Schwierig wird es häufig nicht allein deshalb, weil einer häufiger Sex möchte als der andere.
Problematisch wird die Bedeutung, die beide diesem Unterschied geben.
Ein häufiger Kreislauf
Der Partner mit mehr Lust leidet ebenfalls
In Gesprächen über unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse wird manchmal vor allem auf den Partner mit weniger Lust geschaut.
Doch auch der Partner mit stärkerem sexuellem Verlangen kann erheblich unter der Situation leiden.
Wiederholte Ablehnung kann als persönliche Zurückweisung erlebt werden. Manche beginnen an ihrer Attraktivität zu zweifeln oder erleben die Beziehung zunehmend als freundschaftlich.
Das sexuelle Bedürfnis dieses Partners sollte deshalb nicht als oberflächlich oder unwichtig abgewertet werden.
Und der Partner mit weniger Lust?
Auch dieser Partner kann unter erheblichem Druck stehen.
Jede Berührung kann irgendwann die Befürchtung auslösen, daraus müsse Sex entstehen. Zärtlichkeit wird dann möglicherweise vermieden, weil sie als Beginn einer sexuellen Erwartung erlebt wird.
Dadurch verschwindet manchmal ausgerechnet die körperliche Nähe, die beide eigentlich vermissen.
Was ist eine normale Häufigkeit für Sex?
Es gibt keine allgemeingültige Häufigkeit, die ein Paar erfüllen muss, damit seine Sexualität „normal“ ist.
Entscheidend ist weniger eine bestimmte Zahl als die Frage, ob beide Partner mit ihrer gemeinsamen Sexualität ausreichend zufrieden sind.
Ein Paar kann mit seltenem Sex zufrieden sein. Ein anderes Paar kann häufig Sex haben und trotzdem unzufrieden sein.
Was ist, wenn die Frau mehr Sex möchte als der Mann?
Auch das kommt vor.
Für beide kann diese Konstellation besonders irritierend sein, wenn sie selbst davon überzeugt sind, Männer müssten grundsätzlich mehr Lust haben als Frauen.
Die Frau fragt sich möglicherweise, warum ihr Partner sie nicht begehrt. Der Mann erlebt vielleicht zusätzlichen Druck, weil seine eigene Lust nicht dem entspricht, was er von sich als Mann erwartet.
Geschlechterklischees können die eigentliche sexuelle Schwierigkeit dann zusätzlich belasten.
Was ist, wenn er Sex braucht, um Nähe zu fühlen, sie aber Nähe braucht, um Sex zu wollen?
Genau hier kann ein besonders hartnäckiger Kreislauf entstehen.
Er sucht Sexualität, weil er sich dadurch verbunden fühlt. Sie wünscht sich zunächst emotionale Nähe, um überhaupt offen für Sexualität zu werden.
Er erlebt ihre sexuelle Zurückhaltung als Distanz und sucht deshalb noch stärker körperliche Nähe.
Sie erlebt den zunehmenden sexuellen Druck als Beweis dafür, dass ihre emotionalen Bedürfnisse nicht gesehen werden und zieht sich weiter zurück.
In dieser Situation hilft es wenig zu entscheiden, wer von beiden „richtig“ funktioniert.
Hilfreicher ist zu verstehen, wie der jeweilige Zugang zu Nähe und Sexualität funktioniert.
Welche Fragen sollten Paare einander stellen?
Was bedeutet Sex für mich?
Geht es vor allem um Lust, Nähe, Bestätigung, Entspannung, Begehren, Abenteuer oder etwas anderes?
Wie entsteht bei mir Lust?
Entsteht sie spontan oder brauche ich erst einen passenden Kontext, Berührung und Zeit?
Was bremst meine Lust?
Stress, Müdigkeit, Konflikte, Schmerzen, Druck, Routine oder fehlende erotische Stimulation?
Wann fühle ich mich begehrt?
Durch Worte, Blicke, Berührung, Initiative, Flirten oder sexuelle Handlungen?
Welche Sexualität wünsche ich mir eigentlich?
Nicht nur: Wie oft möchte ich Sex? Sondern auch: Welche Art von Sexualität möchte ich erleben?
Warum Kompromisse beim Sex komplizierter sind als bei der Hausarbeit
Wenn einer dreimal pro Woche Sex möchte und der andere einmal im Monat, lässt sich daraus nicht einfach ein mathematischer Mittelwert bilden.
Sexualität braucht Freiwilligkeit.
Gleichzeitig ist es für eine Beziehung problematisch, wenn das sexuelle Bedürfnis eines Partners dauerhaft keinerlei Bedeutung bekommt.
Die Lösung besteht deshalb häufig nicht darin, eine verpflichtende Zahl sexueller Kontakte festzulegen. Vielmehr geht es darum zu verstehen, welche Bedürfnisse hinter der unterschiedlichen Lust stehen und welche Formen von Sexualität und Nähe für beide möglich sind.
Wenn sexuelle Unlust zum Thema wird
Besonders häufig wird die unterschiedliche Lust sichtbar, wenn ein Partner deutlich weniger sexuelles Interesse entwickelt.
Stress, Beziehungskonflikte, körperliche Veränderungen, Schmerzen, Medikamente oder wenig befriedigende sexuelle Erfahrungen können dabei eine Rolle spielen.
Mehr dazu lesen Sie in: Sexuelle Unlust bei Frauen .
Auch Erektionsprobleme können als fehlendes Begehren missverstanden werden
Körperliche sexuelle Reaktionen sind ebenfalls nicht identisch mit sexuellem Begehren.
Eine ausbleibende Erektion bedeutet beispielsweise nicht automatisch, dass ein Mann seine Partnerin nicht attraktiv findet.
Mehr dazu: Liebe und Sexualität trotz Erektionsstörungen .
Wann kann Sexualtherapie helfen?
Sexualtherapie kann sinnvoll sein, wenn unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse zunehmend zu Druck, Zurückweisung, Streit oder Rückzug führen.
Dabei geht es nicht darum festzulegen, welcher Partner „normal“ ist.
Ebenso wenig sollte der Partner mit weniger Lust dazu gebracht werden, Sex zu haben, den er nicht möchte.
Ziel kann vielmehr sein, die sexuelle Dynamik des Paares zu verstehen: Was bedeutet Sexualität für beide? Wie entsteht Lust? Was hemmt sie? Welche Bedürfnisse werden durch Sex ausgedrückt und welche Formen von Nähe wünschen sich beide?
Männer und Frauen können sich durchschnittlich in bestimmten Aspekten sexuellen Verlangens unterscheiden. Für das einzelne Paar sind solche Durchschnittswerte jedoch nur begrenzt hilfreich. Manche Frauen wünschen sich häufiger Sex als ihre Partner, manche Männer benötigen viel emotionale Nähe für sexuelles Interesse. Wichtiger als die Frage „Was brauchen Männer und Frauen?“ ist deshalb die Frage: „Wie funktionieren Lust, Begehren und Nähe bei uns beiden?“
Über die Autorin
Dr. rer. nat. Mareike Dittmer ist Heilpraktikerin für Psychotherapie mit Schwerpunkt Paartherapie und Sexualtherapie. In ihrer Praxis in Zernsdorf, Königs Wusterhausen, begleitet sie Paare unter anderem bei unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen, sexueller Unlust, Erektionsproblemen, Schwierigkeiten mit Nähe und Sexualität sowie wiederkehrenden Beziehungskonflikten.
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Sexualtherapie und Paartherapie in Königs Wusterhausen
Wenn unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse bei Ihnen zunehmend zu Druck, Rückzug oder Verletzungen führen, können wir gemeinsam betrachten, wie beide Sexualität erleben und welche Form von Nähe und Sexualität für Ihre Beziehung stimmig werden kann.
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